Lehrerteil

Schlüsseltexte: Jesaja 2,2–3; Hebräer 4,1–4; 2. Mose 24,16–17; Jesaja 44,24; Hebräer 1,10; Lukas 1,31; Hebräer 1,5

TEIL I: ÜBERSICHT

Themen der Lektion

Die ganze Menschheitsgeschichte hindurch haben sich die Menschen auf den kommenden Erlöser gefreut. Nach dem Sündenfall dachten unsere ersten Eltern Adam und Eva, dass Kain, ihr erstgeborener Sohn, der verheißene Erlöser sei. Abraham erhielt die Verheißung, dass durch seinen Sohn Isaak alle Völker der Erde gesegnet werden würden. David wurde ein Sohn versprochen, der, wenn er Gott treu war, für immer Bestand haben würde. Keiner dieser Menschen dachte jedoch, dass Gott selbst der verheißene Erlöser sein würde.

Die Propheten im Alten Testament machten manchmal kryptische messianische Vorhersagen, indem sie die Formulierung „in den letzten Tagen“ verwendeten (siehe 4 Mo 24,14–17 SLT), was sich von anderen alttestamentlichen Prophezeiungen unterscheidet, die eine Formulierung wie „Zeit des Endes“ verwenden (siehe Dan 8,17.19). Mit dem Kommen von Christus sind die „letzten Tage“ gekommen. Nach einer langen Zeitspanne, die manchmal als intertestamentarische Periode bezeichnet wird, sprach Gott nochmals. Aber diesmal sprach er am deutlichsten und am qualitativ hochwertigsten durch Jesus Christus. Christus ist Gott gleich, denn er ist „das Ebenbild seines Wesens“ (Hbr 1,3), und da er göttlich ist, ist er auch der Schöpfer und Erhalter des Universums.

Man könnte fragen: Wenn Christus Gott gleich ist, wie kann Paulus dann im Namen des Vaters sprechen und von Jesus schreiben: „Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt“ (V. 5)? Bedeutet dies, dass Jesus irgendwie gezeugt wurde und nicht ewig ist? Erkläre dies.

TEIL II: KOMMENTAR

Die Natur Christi

Die am Ende der Einleitung gestellte Frage hat eine Geschichte verschiedener Interpretationen ausgelöst. Im vorhergehenden Abschnitt (Hbr 1,1–3) ging es darum, die Überlegenheit Christi über die Propheten zu beweisen. Im folgenden Abschnitt (V. 4–14) will Paulus die Überlegenheit Christi gegenüber den Engeln beweisen. Der Grund für die Betonung der Überlegenheit Christi könnte ein reges Interesse der Zuhörerschaft an Engeln oder sogar an Engelverehrung sein, ähnlich wie wir es in der Gemeinde in Kolossä sehen (Kol 2,18).

Im Sinne seines Arguments, dass Christus den Engeln überlegen ist, zitiert Paulus in Hebräer 1,5 zwei Verse aus dem Alten Testament. Psalm 2,7 ist der erste. In seinem ursprünglichen Kontext spricht Psalm 2 von Königen und Herrschern dieser Erde, die sich gegen Gott verschwören. Doch Gott lacht und erschreckt sie. Letztendlich wird Gott seinen göttlichen König auf dem Berg Zion einsetzen (Ps 2,6), indem er sagt: „Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt“ (V. 7). In seiner Predigt in Antiochia in Pisidien wendet Paulus diesen Text auf die Auferstehung Christi an (Apg 13,33). In der gesamten Christenheit wird dieser Psalm als christologisch interpretiert. Bedeutet diese Interpretation, dass Gott Jesus bei seiner Auferstehung gezeugt hat, eine Frage, die wir am Ende unserer Einleitung gestellt haben?

Ganz und gar nicht. Gott ruft einfach seinen Sohn aus dem Grab heraus, als er durch Gabriel, den „Mächtigsten im Heer des Herrn“, den, „der Luzifers einstige Stellung eingenommen hatte“, den Stein vom Grab Christi entfernt, als wäre es ein Kieselstein. Die Soldaten, die das Grab bewachen, „hörten, wie er mit lauter Stimme rief: ‚Du Sohn Gottes, komm heraus: Dein Vater ruft dich!‘“ (SDL 761–762). So ruft Gott, der Vater, seinen Sohn heraus. In ähnlicher Weise sagt Paulus in 1. Korinther 4,15 den Korinthern: „Ich habe euch gezeugt in Christus Jesus durch das Evangelium“. Bedeutet diese Handlung, dass Paulus die Gemeinde gezeugt hat? Nein, natürlich nicht. Paulus hat sie zum geistlichen Leben gebracht; er hat sie in einem geistlichen Sinne gezeugt (der gleiche Begriff wird für Onesimus in Philemon 10 und für Christen in 1. Johannes 2,29; 3,9 usw. verwendet).

Das zweite Zitat, das Paulus verwendet, um die Überlegenheit Christi gegenüber den Engeln zu zeigen, stammt aus 2. Samuel 7,14. Der ursprüngliche Kontext handelt von Davids Plänen zum Tempelbau; aber Nathan informiert den König, dass sein Sohn Salomo das Haus Gottes bauen wird. Der Herr verspricht auch: „Ich will sein Vater sein, und er soll mein Sohn sein“ (2 Sam 7,14). Dieses Zitat in seinem ursprünglichen Kontext kann sich nicht auf Christus beziehen aufgrund dessen, was in diesem Vers folgt: „Wenn er sündigt, will ich ihn mit Menschenruten und mit menschlichen Schlägen strafen“ (V. 14). Aus offensichtlichen Gründen muss sich dieser Vers auf einen sündigen Salomo beziehen und nicht auf den sündlosen Christus.

Sowohl Psalm 2,7 als auch 2. Samuel 7,14 haben jedoch eines gemeinsam. Sie betonen beide die Tatsache, dass der König von Israel und Salomo Söhne Gottes sind: „Du bist mein Sohn; heute habe ich dich gezeugt“, und „er soll mein Sohn sein.“ Die Betonung liegt nicht auf der Zeugung, sondern auf der Adoption des davidischen Königs und auf dem Königtum seines Sohnes, das, viel später im Hebräerbrief, auf Christus übertragen wird. Der einleitende Satz in Hebräer 1,5 fragt: „Denn zu welchem Engel hat Gott jemals gesagt (Psalm 2,7): ‚Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt‘?“ (Hbr 1,5). Die offensichtliche Antwort lautet: zu keinem der Engel. Nur Christus „ist so viel höher geworden als die Engel, wie der Name, den er ererbt hat, höher ist als ihr Name“ (Hbr 1,4). Dieser Name lautet „mein Sohn“, ein Titel, der niemals irgendwelchen Engeln zugeschrieben wurde. Zu keinem von ihnen hat Gott jemals gesagt: „Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel unter deine Füße lege“ (V. 13).

Man könnte jedoch Einwände gegen die Vorstellung der Zeugung als Adoption in diesem Zusammenhang erheben und mit Hebräer 1,6 entgegnen: „wenn er den Erstgeborenen einführt in die Welt“ (Hbr 1,6). Spricht dieser Vers nicht von Christus als dem Erstgeborenen, könnte der Einwendende argumentieren? Gute Frage. Der Begriff „Erstgeborener“ hat in Texten wie 1. Mose 25,13, 1. Mose 27,19 und 1. Mose 35,23 tatsächlich die Bedeutung von Erstgeburt. Aber im Alten Testament ist der „Erstgeborene“ auch Israel (2 Mo 4,22–23), im Gegensatz zu den Erstgeborenen Ägyptens. In Psalm 89,28 wird David als Gottes „Erstgeborener“ bezeichnet, obwohl er der jüngste von acht Brüdern und keineswegs der Erstgeborene war. Im Neuen Testament ist Jesus der „Erstgeborene“ von Maria (Lk 2,7), der „Erstgeborene“ unter vielen Brüdern (Röm 8,29), der „Erstgeborene“ der ganzen Schöpfung (Kol 1,15) und der „Erstgeborene“ aus den Toten (Kol 1,18; Offb 1,5). Diese Texte zeigen, dass der Titel „Erstgeborener“ sich auf die Vorrangstellung Christi in der Gemeinde, über die Schöpfung, den Kosmos und die Auferstandenen bezieht. Die Verbindung von Hebräer 1,5 mit Vers 6 zeigt, dass Christus dieser royale davidische König ist, den Gott mit dem Aufruf in die Welt eingeführt hat: „Es sollen ihn alle Engel Gottes anbeten“ (Hbr 1,6). Der Rest von Kapitel 1 nimmt diese Beweise aus der Heiligen Schrift jedoch auf und stellt vier Behauptungen auf: 1. Nur eine Person wird von Gott „Sohn“ genannt (V. 5), und das ist Christus. 2. Die Engel beten diesen Sohn an (V. 6). 3. Der Sohn ist der unveränderliche, gerechte und gesalbte Herrscher, der die Himmel und die Erde geschaffen hat (V. 8–10). 4. Der Sohn regiert zur Rechten Gottes, während die Engel im Gegensatz dazu dienende Geister für die sind, die gerettet werden (V. 11–14).

Zusammenfassend können wir sagen, dass Christus nicht von Gott gezeugt ist, sondern durch seine Fleischwerdung als Sohn Gottes die Menschheit adoptiert und „begnadigt“ wurde „in dem Geliebten“ (Eph 1,6 EB). Somit ist Christus der Titel „Erstgeborener“ verliehen worden. Als solcher ist seine Stellung weit über den Engeln und verdient sogar deren Anbetung. Ellen White rät der Gemeinde, wie sie am besten auf andere Christen zugehen soll, und sagt über die präexistente Natur Christi Folgendes: „Betont nicht jene Aspekte der Botschaft, die eine Verurteilung der Sitten und Gebräuche der Menschen darstellen, bis sie verstehen, dass wir an Christus, an seine Göttlichkeit und an seine Präexistenz glauben“ (Testimonies for the Church, Bd. 6, S. 58). Ellen White half der jungen Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten, ein biblisches Gleichgewicht bezüglich der präexistenten Natur Christi zu finden. Im Zusammenhang mit der Auferstehung von Lazarus schrieb sie über die Natur Christi: „In Christus ist ursprüngliches, nicht verliehenes, sondern ureigenes Leben“ (SDL 512).

Diese letzten Tage und das Ende der Zeit

Die frühen christlichen Autoren glaubten, dass die letzten Tage gekommen waren und in der Wiederkunft gipfeln würden. Deshalb konnte Paulus sagen: „In diesen letzten Tagen [im Gegensatz zu den Tagen der Propheten] sprach er durch seinen Sohn zu uns“ (Hbr 1,2 NLB). In ähnlicher Weise stellt Petrus klar, als er und die anderen Jünger an Pfingsten der Trunkenheit beschuldigt werden, dass das Wunder der Zungenrede eine Erfüllung der Prophezeiung ist: „In den letzten Tagen, spricht Gott, werde ich meinen Geist über alle Menschen ausgießen. Eure Söhne und Töchter werden weissagen“ (Apg 2,17 NLB). Die Prophezeiung aus Joel 2 ist zu Beginn der Endzeit in Erfüllung gegangen. Auch Petrus schrieb, als er über die Menschwerdung Christi sprach: „Doch erst jetzt, am Ende der Zeiten, ist er [Christus] für euch erschienen“ (1 Ptr 1,20 NLB). Diese letzten Tage sind durch Spötter gekennzeichnet, die das zweite Kommen Christi in Frage stellen (2 Ptr 3,3–4) und die Armen ausbeuten, um sich selbst zu bereichern (Jak 5,3). Die letzten Tage sind auch durch das Auftreten von Antichristen gekennzeichnet (1 Joh 2,18).

Wir erkennen die Tatsache an, dass die letzten Tage mit der Menschwerdung Christi beginnen, fragen aber: Gibt es einen Unterschied zwischen diesen „letzten Tagen“ und dem „Ende der Zeit“, wie es von Daniel und in der Offenbarung beschrieben wird? Betrachte die Zeitprophezeiung von den 2300 Abenden und Morgen in Daniel 8,14. Diese Zeitprophezeiung erstreckt sich weit über die Tage Christi hinaus. Und bei anderen Prophezeiungen stehen aus unserem zeitlichen Blickwinkel noch einige Ereignisse aus, wie zum Beispiel die „letzten sieben Plagen“ (Offb 15,1; 21,9). Schließlich ist „der letzte Feind“ (1 Kor 15,26) noch nicht besiegt, noch haben wir die letzte Posaune (V. 52) nicht gehört. Zusammenfassend können wir sagen, dass die letzten Tage mit Christus begannen, aber das letzte große Ereignis in der Endzeit noch aussteht. Zwischen diesen beiden Kommen müssen noch unerfüllte prophetische Ereignisse geschehen.

TEIL III: ANWENDUNG

Wenn wir uns Hebräer 1 ansehen, erkennen wir, dass Paulus eine Menge Theologie hineingepackt hat. Warmherziges, hingebungsvolles, anwendungsorientiertes Christsein ist notwendig. Unsere Orthopraxie (Handlungsweise) ergibt sich jedoch aus unserer Orthodoxie (Glaubensüberzeugung). Eine solide Theologie legt das Fundament für einen guten christlichen Lebensstil.

Fragen zum Nachdenken

1. Denkt ihr, dass wir heute unsere Theologie mit unserer christlichen Praxis in Einklang bringen müssen? Wenn ja, wie?

2. Wie können wir auch heute noch zwischen unserem religiösen und kulturellen „Gepäck“ und der biblischen Wahrheit unterscheiden?

3. In einer Zeit, in der sich Autorität sowohl in der Kultur als auch in der Kirche in der Krise befindet – inwiefern vermittelt uns Hebräer 1 Orientierung?

08/01/2022

Der verheißene Sohn

09/01/2022

In diesen letzten Tagen

10/01/2022

Gott hat zu uns durch seinen Sohn gesprochen

11/01/2022

Er ist der Abglanz der Herrlichkeit Gottes

12/01/2022

Durch ihn hat er das Universum geschaffen

13/01/2022

Heute habe ich dich gezeugt

14/01/2022

Weiterführendes Studium